direkt zum Inhalt springen

direkt zum Hauptnavigationsmenü

Sie sind hier

TU Berlin

Inhalt des Dokuments

Themenforum "Crowd-, Cloud- und Gigworking"

Am 09. November 2017 fand das vierte Themenforum der Kooperationsstelle Wissenschaft und Arbeitswelt statt. Die Veranstaltungen im Wintersemester 2017/2018 standen unter der Überschrift „Digitalisierung – Herausforderung für ‚gute Arbeit‘“. Dieser Termin vertiefte nun das Thema „Crowd-, Cloud- und Gigworking“* im Kontext der Entwicklung von digitalen Arbeitsplattformen, welche bezahlte Dienstleistungen vermitteln.

Impulsvortrag: Barbara Langes, Institut für sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) München

Barbara Langes
Lupe

Wie verändern sich Wertschöpfungssysteme und Geschäftsmodelle sowie die Organisation von Arbeit durch die Cloud? Anhand dieser Leitfrage führte Frau Langes in ihren Vortrag ein, der auf dem Projekt „Cloudworking und Crowdsourcing und der Umbruch in der Arbeitswelt“ basierte. Einleitend skizzierte Langes den Diskurs zum Thema „Cloudworking und Crowdsourcing“ am Beispiel von IBM. Das Unternehmen verabschiedete 2012 die Strategie „Generation Open“ mit dem Ziel einer internen Neustrukturierung der Arbeit sowie einer weltweiten Integration von Freelancer*innen in die Arbeitsprozesse über eine externe Plattform. Entwicklungen dieser Art sind laut Frau Langes aber nur die Spitze des Eisberges, weshalb es notwendig sei, sich auch mit übergreifenden Entwicklungstendenzen in der Arbeitswelt und den daraus resultierenden Herausforderungen für die Arbeitsgestaltung zu beschäftigen.

Der aktuelle Umbruch sei von seiner Reichweite her mit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert durchaus vergleichbar, so Frau Langes. Vor allem das Internet sei als Treiber der neuen Entwicklung zu betrachten. Mit der Cloud sei ein neuer sozialer Handlungsraum entstanden, in dem nicht nur Wissen gespeichert und verarbeitet wird, sondern auch Menschen miteinander in Interaktion treten. Aus ökonomischer Perspektive könne dies auch als ein neuer Raum der Produktion angesehen werden. Als Beispiel dafür nannte Frau Langes Unternehmen wie Google, Uber oder AirBnB, bei denen digitale Plattformen im Mittelpunkt stehen, die mittlerweile auch für die (Re-)Organisation der Arbeit in den Unternehmen selbst eingesetzt würden. Begleitet werde diese Entwicklung mit lokalen Initiativen, um das Arbeitsumfeld ansprechend zu gestalten, beispielsweise durch das Engagement von Sterneköchen, innovative Büros oder Yogakurse. Gleichzeitig würden im Bereich der hochqualifizierten Tätigkeiten neue Arbeitsformen auf Basis von „agilen Konzepten“ entstehen. Gemeint sind damit kurzzyklische Vorgehensweisen und eine Integration des Kundenfeedbacks in die Erstellung des Produktes bzw. der Dienstleistung. Besonders effektiv sei dies bei der Teamarbeit, denn hier könnten die Mitarbeiter*innen zusätzlich noch die Arbeitsgeschwindigkeit selber bestimmen. In der Praxis dominierten allerdings eher negative Erfahrungen, da es bei den Beschäftigten zu einem Gefühl der Fließbandarbeit komme, was wiederum mit einem höheren Belastungserleben bei den auf der Seite der Arbeitnehmer*innen verbunden sei. Im Bereich der mittel- und einfachqualifizierten Tätigkeiten sei die Gefahr der digitalen Fließbandarbeit noch deutlich größer, da hier kaum individuelle Entscheidungsmöglichkeiten bestünden und die Belastungsniveaus somit potenziell unkontrolliert ansteigen könnten.

Eine der größten Gefahren der Cloudarbeit liegt nach Einschätzung von Frau Langes allerdings darin, dass Menschen immer auch Datenspuren hinterließen, die mess- und auswertbar seien. Soziales Verhalten werde auf diese Weise steuerbar. Deshalb gelte es aus Arbeitnehmersicht kritisch nachzufragen, wenn Unternehmen Entwicklungsaufgaben auf digitale Plattformen auslagerten, wo sich die Teilnehmer*innen in einem Wettbewerb um die einzelnen Aufträge befänden. Dieses neue Produktionsmodell, das statt auf reguläre Beschäftigte auf formal Selbstständige setze, verbreite sich in der Praxis jedoch immer stärker. Um diesem negativen Wandel der individuellen Arbeitssituation etwas entgegenzusetzen, sei es entscheidend, die neuen Arbeitsformen zusammen mit den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zu gestalten und die zentralen Weichen nicht über deren Köpfe hinweg zu stellen.

Kommentar: Susanne Steinborn, IG Metall Berlin

Susanne Steinborn
Lupe

In ihrem Beitrag ging Frau Steinborn zunächst auf die Problematik einer „Unterminierung“ der Arbeitsverhältnisse durch eine Ausweitung prekärer Beschäftigungsformen ein, die es zwar beispielsweise durch Leiharbeit oder Werkverträge bereits gebe, jedoch durch Crowdworking eine zusätzliche Verschärfung erfahre. Ein strukturelles Problem sei, dass es bei „physischer“ Arbeit einfacher sei, eine Regulation im Sinne der Arbeitnehmer*innen herbeizuführen als dies bei „virtueller“ Arbeit möglich sei.

Am Beispiel eines Berliner Unternehmens zeigte sie auf, dass die digitale Entwicklung auch die weitere Verlagerung von Arbeitsplätzen in relevanter Größenordnung ermögliche. In dem Fallbeispiel werde die Verlagerung über die digitale Plattform „Crossover“, auf der sich Freelancer*innen aus aller Welt auf die einzelnen Arbeitspakete bewerben und diese dann abwickeln, operativ umgesetzt. Diese Strategie verfolge das Unternehmen allerdings nicht nur in Deutschland, sondern weltweit, so Frau Steinborn. Eine solche große Flexibilität in der Arbeitsorganisation sowie der Status der Freelancer*innen als Selbstständige berge in jedem Fall das Risiko einer schwindenden sozialen Absicherung. Darüber hinaus sei auch die digitale Arbeit selbst kritisch zu hinterfragen. Denn im Fallbeispiel sei es so, dass die Auftragnehmer*innen sich dazu verpflichten müssen, die Software „Work Smart“ auf ihrem Arbeitsrechner zu installieren, die jegliche Aktivitäten am Computer aufzeichnet und die formal Selbstständigen bei der Ausführung der Tätigkeiten somit faktisch überwacht. Außerdem gebe es durch die Software eine Rückmeldung zur Arbeitsweise, die zur „optimalen“ Arbeitsprozessen führen soll. Im Endeffekt gebe es hier also eine Fremdsteuerung der faktischen Beschäftigten, so Frau Steinborn. Die Entlohnung sei so geregelt, dass nur die Stunden bezahlt werden, die auf die entsprechende Aufgabenstellung verwendet worden sind, jedoch maximal 40 Stunden pro Woche. Überstunden und auch Pausen blieben also unvergütet und schnelle Arbeitsergebnisse würden nicht honoriert, sondern durch größere Arbeitspakete beim nächsten Auftrag beantwortet.

Diskussion

In der anschließenden Diskussion standen zunächst Risiken und Ängste im Vordergrund, beispielsweise die Weitergabe von betrieblichem Wissen an Unbefugte oder das „Tracking“ der Arbeit. Durch die Kleinteiligkeit der Arbeitspakete auf den digitalen Plattformen sei jedoch nicht zu erwarten, dass es dazu kommen könnte, dass betriebsspezifisches Wissen erworben bzw. weitergegeben werde, da den Bearbeiter*innen unbekannt sei, für welche Organisation bestimmte Arbeitsprozesse zu erledigen sind und wie sich diese in das Gesamtbild einfügen. Tracking sei dagegen vielerorts schon Realität, wie die Logistikbranche zeige, in der sich solche Vorgehensweisen zunehmend zum Standard entwickelten.

Darüber hinaus sei es kritisch, dass durch die Globalisierung der digitalen Plattformen die Arbeitsaufträge nicht mehr an nationale Regulation gebunden seien und es deshalb verstärkt internationaler Schutzmechanismen für die Arbeitsnehmer*innen bedürfe. Nationale Gewerkschaften stießen immer stärker an ihre Grenzen, wenn es darum gehe, weiterhin den Schutz der Beschäftigten zu gewährleisten. Hinzu komme, dass es einerseits bei einer weltweiten Ausschreibung von Arbeitsaufträgen keine Lohndifferenzen zwischen den unterschiedlichen Ländern gebe, da der gleiche Lohn für alle Auftragnehmer*innen gezahlt werde. Dies bringe für die Beschäftigten in manchen Weltregionen individuelle Vorteile mit sich, vor allem in „Hochlohnländern“ drohe jedoch verstärkt Lohndumping bzw. die Prekarisierung von Arbeit.

Die Gewerkschaften haben erkannt, dass sich etwas verändern muss und bieten bereits seit einiger Zeit auch für Selbstständige Beratungsangebote an. Außerdem können Soloselbstständige in der Regel Gewerkschaftsmitglieder werden und beispielsweise vom Rechtsschutz profitieren. Darüber hinaus werde auch versucht, direkt Einfluss auf die Betreiber*innen der digitalen Plattformen zu nehmen und diese zu einem „Code of Conduct“ der guten Arbeit zu bewegen. Auf gewerkschaftlicher Seite könnten außerdem „digitale Gewerkschaftssekretäre“ oder virtuelle Communities etabliert werden, um den digitalen Arbeitnehmer*innen unterstützend zur Seite zu stehen.

Die Teilnehmer*innen waren sich einig, dass es auch von politischer Seite Antworten auf den Wandel der Arbeitswelt geben müsse. Denn das Crowdworking sei nur die Spitze des Eisberges einer Prekarisierungswelle, die durch Leiharbeit und Werkverträge längst in die Arbeitswelt Einzug gehalten habe. Es sei zwar nicht leicht, geeignete Regulierungsmechanismen zu schaffen, aber Ansätze dazu gebe es bereits. Beispielsweise könnte eine Erweiterung der Begriffe „Betrieb“ (um digitale Plattformen) und „Arbeitnehmer*in“ (um Freelancer*innen, Crowdworker *innen, Werkvertragsnehmer*innen) erfolgen. Insgesamt sei klar, dass die bisherige Grundstimmung zum Thema „Digitalisierung“ und „Wandel der Arbeit“ eher negativ sei, da beispielsweise unklar ist, wovon die Arbeitnehmer*innen in Zukunft ihre Lebensgrundlage bestreiten könnten oder wohin der Weg der Digitalisierung in Deutschland führe. Im gleichen Zuge müsse auch die Finanzierung der sozialen Systeme neu gedacht werden. Es brauche eine gesellschaftliche Diskussion und wohl auch einen neuen Verteilungskampf in Sachen Arbeit(-szeit) und Einkommen.

 

Textentwurf: Marcel Fünfstück, Redaktion: Ulf Banscherus, Alena Baumgärtner

 

<- zurück

 

*Ist die Ausführung einer vermittelten Tätigkeit ortsunabhängig und vollständig über das Internet auszuführen, spricht man von Cloudworking. Crowdworking wiederum stellt eine Unterkategorie des Cloudworking dar und zeichnet sich dadurch aus, dass die jeweiilge Aufgabe an eine offene unspezifische Gruppe vergeben wird. Vermittelte Tägigkeite, die sowohl zeit-, orts- als auch personengebunden sind, bezeichnet man hingegen als Gigwork (vgl. Schmidt, Florian A. (2016): Arbeitsmärkte in der Plattformökonomie - Zur Funktionsweise und den Herausforderungen von Crowdwork und Gigwork. Friedrich-Ebert-Stiftung).

Zusatzinformationen / Extras

Direktzugang

Schnellnavigation zur Seite über Nummerneingabe

Diese Seite verwendet Matomo für anonymisierte Webanalysen. Mehr Informationen und Opt-Out-Möglichkeiten unter Datenschutz.