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TU Berlin

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Themenforum "Psychische Belastungen durch digitale Kommunikation"

Am 07. Dezember 2017 fand das fünfte Themenforum der Kooperationsstelle Wissenschaft und Arbeitswelt statt. Die Veranstaltungen im Wintersemester 2017/2018 standen unter der Überschrift „Digitalisierung – Herausforderung für ‚gute Arbeit‘“. Dieser Termin vertiefte nun das Thema „Psychische Belastungen durch digitale Kommunikation".

Impulsvortrag: Dr. Gisa Junghanns, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA)

Welchen Einfluss hat die Informationsflut durch digitale Medien am Arbeitsplatz auf das Wohlbefinden der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer? Anhand dieser Leitfrage führte Frau Dr. Junghanns in ihren Vortrag ein, der auf dem Projekt „Informationsflut am Arbeitsplatz – Umgang mit hohen Informations-mengen vermittelt durch elektronische Medien“ basierte. Einleitend begann Frau Dr. Junghanns damit, zunächst aktuelle Tendenzen im Kontext der Mediennutzung zu beschreiben. Dabei sei besonders die Nutzung von Social Media Programmen auf dem Vormarsch. Als Kennzeichen dieser neuen Medien gelte neben der globalen Mobilität und Vernetzung, eine hohe Digitalität, Interaktivität sowie Konvergenz in der Nutzung. Diese Entwicklung führe bereits jetzt zu einer Veränderung der Kom-munikation und einer höheren Belastung und Beanspruchung unter Arbeitnehmer-innen und Arbeitnehmern, so Frau Dr. Junghanns. Denn Informationsübermittlung sei nun ortsunabhängig in kurzer Zeit an beliebig viele Adressatinnen und Adressaten möglich, was eine Entkopplung von Sender und Empfänger bewirke. Unterschiedliche Daten belegen eine erhöhte Arbeitsbelastung von Arbeitnehmerinnen und Arbeit-nehmern in diesem Zusammenhang, beispielsweise fühlten sich laut einer Sonder-auswertung des DGB-Index aus dem Jahr 2016 schon 59% der Befragten gehetzt oder unter Zeitdruck gesetzt. Laut einer Untersuchung des Monitors „Digitalisierung am Arbeitsplatz“ aus dem gleichen Jahr führten sogar 65% der Befragten an, dass die technologischen Neuerungen dazu geführt hätten insgesamt mehr Aufgaben erledigen zu müssen.

Die Arbeitsbedingungen stehen in engem Zusammenhang zum Informationszufluss am Arbeitsplatz, welcher sich im Kontext der Digitalisierung maßgeblich verändert hat. Frau Dr. Junghanns erklärte, dass sich Veränderungen dieser Art in drei Kategorien einordnen lassen, die sie als

1.       Zeitdruck und Überforderungserleben,

2.       Arbeitsunterbrechung und Ablenkung sowie

3.       reaktives Arbeiten statt Planungssicherheit

bezeichnet. Dabei gelte es jedoch nicht nur nach passivem und aktivem Infor-mationszufluss zu unterscheiden, sondern auch das Verhältnis zwischen der Menge der verfügbaren Informationen und der für Aufträge benötigten Informationen zu berücksichtigen.

In einer anderen Untersuchung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeits-medizin, dem Arbeitszeitreport 2015, wurde bereits festgestellt, welche Personengruppen angeben besonders unter einer Informationsflut zu leiden und welche Art von Arbeitsbedingungen damit einhergehen. Zwischen den Geschlechtern zeigten sich in diesem Zusammenhang kaum Unterschiede - mit zunehmendem Alter der Befragten (ab 31 und vor allem ab 51 Jahren) ging jedoch eine erhöhte Angabe von wahrgenommener Informationsflut am Arbeitsplatz einher. Besonders betroffen seien davon Angestellte mit hochqualifizierten Tätigkeiten und obere Führungskräfte. Ausschlaggebend für das „Erleben“ dieser Informationsfluten sei, dass die ent-sprechenden Arbeitsbedingungen durch Termin- und Leistungsdruck, die gleichzeitige Berücksichtigung von Arbeitsabläufen, Störungen und Unterbrechungen sowie eine vergleichsweise geringe Unterstützung durch Kollegen und Vorgesetzte gekenn-zeichnet sind. Dieser Umstand beeinflusse laut den Befragten auch das Wohlbefinden und zeige sich bei rund der Hälfte häufig anhand negativer physischer (z.B. Kopf-, Rücken-, Nacken- und Schulterschmerzen) und psychischer (z.B. Reizbarkeit, Schlaf-störungen, körperliche Erschöpfung, Müdigkeit) Gesundheitsfolgen, so Frau Dr. Junghanns.

Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse setze nun das Projekt „Informationsflut am Arbeitsplatz – Umgang mit hohen Informationsmengen vermittelt durch elektronische Medien“ an, mit dem Ziel Ansatzpunkte und Konzepte zu entwickeln, die einen nicht überfordernden Umgang mit großen Informationsmengen ermöglichen. Dafür wurde exemplarisch die Dienstleistungsbranche als Forschungs-feld ausgewählt, denn dort sei einerseits der Umgang mit neuen Informations- und Kommunikationstechnologien Alltag und andererseits die Tätigkeiten eher mit höheren geistigen Anforderungen verbunden.

Nach einer Auswertung des aktuellen Forschungsstandes fasste Frau Dr. Junghanns erste Ergebnisse zusammen. Danach seien für das Erleben einer Informationsüber-flutung neben den Fähigkeiten und Kenntnissen der Beschäftigten, im Umgang mit digitalen Medien, auch die Qualität der Informationen und der Umfang an Aufgaben, der sich aus den Informationen ergebe, ausschlaggebend. Um der Informationsüber-flutung zu begegnen, könnten deshalb einerseits unternehmensinterne Regelungen zur Gestaltung von Emails und zum Umgang mit digitalen Medien sowie Trainings zur Verbesserung des eigenen Informationsmanagements oder der Nutzung von Email-Programmen helfen.

Kommentar: Dr. Rolf Schmucker, DGB-Index Gute Arbeit

In seinem Beitrag ging Herr Dr. Schmucker vor allem auf den Zusammenhang zwischen psychischer und physischer Belastung sowie dem Wandel von Steuerungs-mechanismen innerhalb der Unternehmen ein. Es gebe eine veränderte Form der Unternehmenssteuerung, die sich auch in der Aufgabensteuerung der Beschäftigten zeige. Hier werde verstärkt mit Zielvereinbarungen oder ähnlichen Controlling-Instrumenten gearbeitet und durch teilweise überhöhte Anforderungen Druck aufgebaut. Die Arbeit von Betriebs- oder Personalräten seien laut Herr Dr. Schmucker an dieser Stelle zwar wichtige Ankerpunkte für die Beschäftigten, allerdings würden viele Betriebs- oder Dienstvereinbarungen nur begrenzt weiter-helfen. Beschäftigte würden die darin enthaltenen Schutzinstrumente nur teilweise nutzen, da sich das Arbeitsvolumen und vorgegebene Ziele andernfalls nicht erreichen ließen. Im Kern stelle sich aus diesem Grund insbesondere die Frage nach dem Umfang eines angemessenen Arbeitspensums.

Grundsätzlich sei es natürlich wichtig sich einzelnen Problemen intensiv zu widmen, aber dabei dürfe nicht das Gesamtbild der Veränderungen in der Arbeitswelt vergessen werden. Denn erst dadurch ließen sich alle Aspekte mitdenken und entsprechende Maßnahmen entwickeln. Im Allgemeinen gebe es durch neue Technik viele Möglichkeiten positiven Einfluss zu nehmen, um Veränderungen der Arbeitswelt aus gesundheitlicher Perspektive angemessen zu begleiten.

Diskussion

In der anschließenden Diskussion standen zunächst der Wandel der Kommunikation und dessen Einfluss auf die Beschäftigten und die Unternehmen im Vordergrund. Dabei kam die Sorge zum Ausdruck, dass die neue Technik vor allem zu Arbeits-verdichtung und erhöhter Belastung führen würde, denn neuere Überwachungs- und Steuerungsmechanismen von Maschinen ermöglichen zwar eine höhere Effizienz aber gleichzeitig benötige es auch eine Veränderung im persönlichen Selbst-, Zeit- und Informationsmanagement. Mit einer erhöhten Geschwindigkeit des Datenaustausches gehe zudem ein verstärkter zeitlicher Verarbeitungsdruck einher. Eine Folge daraus seien betriebliche Strukturveränderungen, durch die beispielsweise die Kommunikation vermehrt über und zwischen Maschinen stattfinde und Arbeitsplätze automatisiert würden. Die Standardisierung und Technisierung der Kommunikation führe im Weiteren zu veränderten Kommunikationsbedarfen, denn grundsätzlich brauche es für die Kommunikation zwischen Menschen Mimik und Gestik, ansonsten endstünden Missverständnisse und Kommunikationsschleifen.

Frau Dr. Junghanns und Herr Dr. Schmucker waren sich deshalb einig, dass die Veränderungen der Kommunikation in der Vergangenheit zu sehr unterschätzt wurden, es aber bei der Technikfolgenabschätzung immer schwierig sei die Entwicklungen vollständig zu prognostizieren. Es müssen dann mit entsprechender Regulierung nachgesteuert werden, damit es nicht zu negativen Folgen wie einer Abhängigkeit der Menschen von der Technik käme. Werde dieser Schritt verpasst und die Menschen hätten sich an bestimmte Verhaltensweisen gewöhnt, sei es auch aus Sicht des Arbeits- und Gesundheitsschutzes nur sehr schwer entsprechende Verhaltensveränderungen auf den Weg zu bringen. Notwendig seien deshalb frühzeitige Aufklärungs- und Informationsmaßnahmen, bevor es zu negativen Erfahrungen im Alltag komme.

Damit dies nicht geschehe brauche es laut den Referent*innen und Diskutant*innen neben engagierten Betriebs- und Personalräten, die über Dienst- und Betriebs-vereinbarungen bestimmte Schutzbereiche (z.B. keine Emailweiterleitung mehr nach 18 Uhr, Recht auf Nichterreichbarkeit, oder Verwendungsvorgaben für bestimmte Kommunikationsmittel) aufbauen auch eine erhöhte Sensibilisierung auf Seiten der Arbeitgeber*innen hinsichtlich deren Fürsorgepflicht gegenüber den Arbeit-nehmer*innen. Welche Ressourcen werden den Beschäftigten beispielsweise zur Verfügung gestellt, um mit den veränderten Gegebenheiten umgehen zu können? Welche Unternehmenskultur herrscht in Bezug auf Arbeitspensum und Erwartungs-haltung gegenüber Zielvorgaben? Gibt es Vertretungsregelungen in der Organisation und wie sieht der Umgang mit Überlastungen aus? Diese und ähnliche Fragen seien wichtig gestellt und beantwortet zu werden, denn laut Herrn Dr. Schmucker zeigt sich das Problem der Informationsüberflutung zwar auf individueller Ebene, aber genauso betreffe es ganze Belegschaften und habe damit organisatorische Gründe. Die Methode der Arbeitsplatzgefährdungsbeurteilung könne hier als Instrument genutzt werden, um erste Anzeichen früh entdecken zu können. Es sei wichtig zukünftig Szenarien zu vermeiden, bei denen die Überflutung an Informationen und Aufgaben für die Beschäftigten nach längerer Abwesenheit zu groß seien.

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Textentwurf: Marcel Fünfstück, Redaktion: Ulf Banscherus, Alena Baumgärtner

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